Stranger than Fiction

Von Nürnberg nach Köln

Kaum ein Event der letzten Zeit hat es besser vollbracht, das Nachleben des Nationalsozialismus in der deutschen Demokratie praktisch-denunziatorisch vorzuführen, als das Projekt „Zwei Minuten Stillstand“. Durch affirmative Überidentifizierung hat die in Berlin lebende israelische Künstlerin und Initiatorin Yael Bartana mittels ihrer „Aufforderung, die Gegenwart zu verändern“ das sonst unter einem Mantel des Kampfes gegen den Antisemitismus verborgene hässliche Wesen Deutschlands ans Licht gebracht.

Wie hat sie das geschafft? Dezidiert als Künstlerin hat Frau Bartana verkündet, die Bevölkerungsmasse Deutschlands durch eine kollektive Performance zu einer sozialen Skulptur zu formen, um die Nation auf diese Weise zu erneuern – und die Deutschen stehen stramm.

Um die Parodie auf den Postkartenmaler aus Braunau zu vervollständigen, verkündete sie, dass es nicht um vergangene deutsche Schuld gehen soll, sondern darum, aus dem vergangenen Krieg die Kraft zu ziehen, sich zukünftigen Aufgaben widmen zu können – auch über den deutschen Tellerrand hinaus. Im Wissen darum, dass die Kontinuität deutscher Identität im Hass auf die Juden besteht, warf sie daher dem jüdischen Staat in einer so offensichtlich absurden wie folgerichtigen Verkehrung die Instrumentalisierung des Holocaust vor – und die deutschen Kulturinstitutionen machten gemäß ihres Auftrages die Gelder locker, den denunziatorischen Charakter des Projektes verkennend.

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