Stranger than Fiction

Von Nürnberg nach Köln

Kaum ein Event der letzten Zeit hat es besser vollbracht, das Nachleben des Nationalsozialismus in der deutschen Demokratie praktisch-denunziatorisch vorzuführen, als das Projekt „Zwei Minuten Stillstand“. Durch affirmative Überidentifizierung hat die in Berlin lebende israelische Künstlerin und Initiatorin Yael Bartana mittels ihrer „Aufforderung, die Gegenwart zu verändern“ das sonst unter einem Mantel des Kampfes gegen den Antisemitismus verborgene hässliche Wesen Deutschlands ans Licht gebracht.

Wie hat sie das geschafft? Dezidiert als Künstlerin hat Frau Bartana verkündet, die Bevölkerungsmasse Deutschlands durch eine kollektive Performance zu einer sozialen Skulptur zu formen, um die Nation auf diese Weise zu erneuern – und die Deutschen stehen stramm.

Um die Parodie auf den Postkartenmaler aus Braunau zu vervollständigen, verkündete sie, dass es nicht um vergangene deutsche Schuld gehen soll, sondern darum, aus dem vergangenen Krieg die Kraft zu ziehen, sich zukünftigen Aufgaben widmen zu können – auch über den deutschen Tellerrand hinaus. Im Wissen darum, dass die Kontinuität deutscher Identität im Hass auf die Juden besteht, warf sie daher dem jüdischen Staat in einer so offensichtlich absurden wie folgerichtigen Verkehrung die Instrumentalisierung des Holocaust vor – und die deutschen Kulturinstitutionen machten gemäß ihres Auftrages die Gelder locker, den denunziatorischen Charakter des Projektes verkennend.

Wie treffend wäre es, wenn Bartana diese subversive Intention tatsächlich hätte; wenn sie tatsächlich den nationalen Betrieb gefoppt hätte und nun offenlegen würde, wie es um das deutsche Gemüt im Jahre 2013 bestellt ist. Allein, es fehlt ihr nicht nur an Ironie und Reflexion, sie ist auch noch eine emsige Ideologin, die zu Deutschland passt wie der Senf zur Bratwurst.

Atomisierte Volksgemeinschaft

Der unbeabsichtigte Wahrheitsgehalt der Performance ist dennoch unverkennbar: Zur Darstellung kommt bei „Zwei Minuten Stillstand“ keine kompakte Volksgemeinschaft, wie noch auf dem Nürnberger Parteitagsgelände, sondern deren zeitgemäße, atomistische Variante. Weil aber diese Wahrheit nicht als Kritik ausgesprochen, sondern affirmiert wird, schlägt sie in Ideologie um: Der Hinweis darauf, dass dieses Event dem israelischen Gedenktag Jom haSho’a abgekupfert wurde, wirkt wegen des Happeningcharakters der Kölner Aufführung wie Hohn auf die in Israel Davongekommenen. Nicht soll der Opfer gedacht, Solidarität mit dem Staat geübt werden, der einer möglichen Wiederholung der Shoa im Wege steht. Worum es den Machern geht, ist die Erneuerung der deutschen Nation.

No Germans no Holocaust

Ohne die Deutschen wäre es nicht zum Holocaust gekommen, doch diese Gleichung ist heute nur die halbe Wahrheit: Ohne Holocaust gäbe es keine Deutschen. Nach dem Holocaust avancierte dieser zum Gravitationszentrum deutscher Identität, zunächst durch kollektive Verdrängung, dann durch nationale Bewältigung. Wer auf aufgeklärte, moderne Weise deutsch sein will, muss sich zum Holocaust bekennen, sei es als Bauherr zahlreicher Mahnmäler, sei es als letzte Bastion gegen ein neues Auschwitz. Doch ist es unmöglich, sich zum Holocaust zu bekennen, ohne daran verrückt zu werden. Diese pathologische Verrücktheit äußert sich in einem neuen, sekundären Antisemitismus, einem Antisemitismus wegen Auschwitz und dessen geopolitischer Umsetzung, dem Antizionismus. Israel ist die Projektionsfläche, an der sich der deutsche Komplex austobt, weshalb Israel für die Deutschen als Nachfolger des Nationalsozialismus erscheinen muss. Unschuldiger als „wir“ dürfen die Juden nicht sein.

Holocaust für alle

Als Künstlerin geht es Frau Bartana darum, zur Schaffung dieses neuen und besseren Deutschlands kraft eines kollektiven Akts beizutragen. Sie will eine nationale Erzählung schaffen, die nicht nur die autochthonen Volksdeutschen, sondern auch die Einwanderer einschließt, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen. Da der Holocaust in Deutschland zum einigenden Band der Nachfahren der Täter geworden ist, die Einwanderer aber weiterhin ausgegrenzt würden, müsse sich das Selbstbild der Deutschen wandeln, um die Zugezogenen zu integrieren. Deutsch sein heiße daher, „das Dritte Reich und den Holocaust nicht als rein historische Ereignisse zu behandeln, (…) sie vielmehr als Anfang einer langfristigen globalen Kettenreaktion (zu sehen), die bis in unsere Gegenwart hinein reicht. Die Konsequenzen reichen von der Gründung des Staates Israel (durch Beschluss der Vereinten Nationen) über die palästinensische Nakba in 1948, Flucht und Vertreibung in Europa und im Nahen Osten bis hin zu den NSU-Morden (deren Täter sich klar und eindeutig in der Tradition des Nationalsozialismus begreifen und deren Verbrechen das Ziel haben, alles ‚Fremde‘ aus der deutschen Gesellschaft zu verbannen).“

Während sich traditionelle Nazis noch immer in der Tradition des Nationalsozialismus und dessen Verbrechen begreifen, ihren Judenhass also unzeitgemäß offen zeigen, hat Frau Bartana eine wesentlich zeitgemäßere Version deutscher Identität anzubieten: den Hass auf diejenigen, die – das weiß jeder Deutsche, ob zugezogen oder nicht – den Holocaust instrumentalisierten und an der Nakba Schuld trügen. Deutsch darf sein, wer Israel hasst. Bartana bewegt sich mit diesem Identifikationsangebot auf der Höhe der Zeit, weshalb sie sofort von Jürgen Roters und anderen Polit-Jecken umarmt und gefeiert wurde.

Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist

Der Opfer des Holocaust könnte nur angemessen gedacht werden, wenn es im Geiste des Bemühens darum geschähe, dass sich nichts Ähnliches wiederhole. Unerlässlich ist hierfür allerdings die Reflexion auf die Spezifika des Holocaust und nicht zuletzt die Kritik des Antisemitismus. Beidem weicht die Veranstaltung nicht nur aus, sondern steht der Erkenntnis geradezu entgegen. Grundlage von „Zwei Minuten Stillstand“ ist eine Gesinnung, die im zionistischen Projekt nichts als eine Instrumentalisierung der Shoa erblicken kann und nicht das, was Israel tatsächlich ist, die Staat gewordene Selbstverteidigung der Juden. Statt also auf die Gegenwart des Antisemitismus in aller Welt zu reflektieren und z.B. auf das iranische Atomprogramm, den islamischen Antisemitismus oder das Erstarken der faschistischen Parteien in Ungarn hinzuweisen, soll pauschal gegenwärtigen Tragödien, insbesondere natürlich der der Palästinenser, „Respekt gezollt“ werden, damit auch wirklich alle betroffen sind. Das Vorhandensein des Antisemitismus in Deutschland wird nur angesprochen, wenn dieser im Gewand der Ewiggestrigen daher kommt. Die Israelfeindschaft, die in den Kommentarspalten der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung genauso vorherrscht wie in Duisburger Moscheen und – siehe die einstimmige Verurteilung Israels nach den Ereignissen auf der Mavi Marmara – im Deutschen Bundestag, bleibt selbstverständlich unerwähnt. Um das Gedenken des Holocaust geht es der Veranstaltung nicht, sondern lediglich um die gemeinschaftstiftende Kulthandlung selbst, die sich in Deutschland immer notwendig gegen den jüdischen Staat richtet.

Als ausgewiesene israelische Antizionistin ist die Künstlerin Yael Bartana die perfekte Besetzung für die Rolle der Initiatorin einer „Deutschland erwache“-Aktion, denn der Hass auf Israel soll das einigende Band des erträumten, neuen multikulturellen Deutschlands sein. Yael Bartana ist der postmoderne Sprößling einer langen Reihe von nützlichen Juden, die sich von den Feinden Israels für ihren Antizionismus willig einspannen lassen. Sie erfüllt im deutschen Diskurs die gleiche Rolle wie die von Ahmadinedschad hofierten, antizionistischen Rabbiner von Naturei Karta. Die Kuratoren und Politiker, die ihre „Auftragsarbeit“ bestellten, die begeisterten Deutschen, die am Projekt teilnehmen, eint der unbändige Hass auf das tatsächlich weltverändernde Projekt der jüdischen Selbstbewaffnung, den Judenstaat, der dem Antisemitismus mit materieller Gewalt entgegensteht.

Lang lebe Israel!

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