Nichts als Ausreden

Wer eine Religionskritik des Islam fordert, diese aber nicht leistet, sondern stattdessen andere des „kulturellen Rassismus“ bezichtigt, hat vor dem Elend der islamischen Welt bereits kapituliert.

Jonas Fedders plädierte kürzlich in der Jungle World (42/2016) für eine „emanzipatorische und demokratische Auseinandersetzung mit der muslimischen Religion und dem politischen Islam“ und stellte dieser den von uns mit unterstützten Aufruf zur vor über zwei Jahren in Köln stattgefundenen Demonstration „Es gibt kein Menschenrecht auf Israelkritik!“ gegenüber. Der Aufruf erinnere, so raunte Fedders, an „kulturellen Rassismus“. Es ist mittlerweile ein altbekanntes Spiel: Wer das Elend der real existierenden muslimischen communities und der islamischen Welt insgesamt benennt, wird mit Pegida, AfD oder Schlimmerem gleichgesetzt. Im Resultat wird damit verhindert, dass die empirisch zweifelsfrei belegbare Affinität des zeitgenössischen Islam zu Judenfeindschaft und Christenverachtung, zu homophoben und sexistischen Einstellungen, zu Verschwörungstheorien und Omnipotenzfantasien überhaupt diskutiert, geschweige denn politisch bekämpft wird. Warum gerade Linke sich dem Engagement gegen die Islamkritik so sehr verschrieben haben, lässt sich eigentlich nur dadurch erklären, dass sie – insgeheim oder offen – glauben, „Schnittmengen“ (Oskar Lafontaine) zwischen Islam und linker Politik ausmachen zu können. Andernfalls bliebe nur noch eine psychologische Erklärung übrig: Identifikation mit dem Aggressor, Feigheit vor dem Feind, vorauseilende Kapitulation.

Wie auch immer es sich im Falle Fedders’ verhält, jedenfalls schreckt er nicht davor zurück, die dümmsten aller Begründungen anzuführen, warum der genannte Demonstrationsaufruf politisch und moralisch indiskutabel sei: Erstens sprächen wir von „dem Islam“ und essentialisierten damit ein so wunderbar vielfältiges – ja, was eigentlich? – Phänomen, zweitens ersetzten wir den alten Rassebegriff durch den der Kultur. Es handelt sich hierbei um die inzwischen klassisch gewordenen Argumentationsmuster der antiislamophoben Ideologen. Da sich in Fedders’ Text all das verdichtet, was gefühlte 300 Sammelbände aus dem Bielefelder Transcript-Verlag immer aufs Neue breittreten, eignet er sich hervorragend, um die theoretischen Annahmen einer ganzen Szene auf den Prüfstand zu stellen.

Vorwurf 1, die „Essentialisierung“, klingt zunächst gelehrt, entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung als siebengescheiter Hinweis auf die Tatsache, dass es im Islam verschiedene religiöse Strömungen gibt, dass die islamische Welt sich nicht auf Saudi-Arabien beschränkt und es politische Kämpfe zwischen unterschiedlichen Fraktionen, Gruppen und Staaten gibt. Keinen einzigen Jungle World-Leser wird das überraschen und vermutlich auch 95% aller Bild-Leser nicht. Aber was bedeutet die Feststellung der Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit politisch? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man zieht aus ihr den Schluss, dass der Begriff „Islam“ überhaupt nichts erklärt (dann würde man das Selbstverständnis der meisten Muslime ignorieren), oder man hält fest, dass es trotzdem etwas die verschiedenen, sich auf den Islam beziehenden Personen und Kollektive Verbindendes gibt, das ihr Handeln, Denken und Fühlen beeinflusst. Fedders ist positiv anzurechnen, dass er seinen eigenen Antiessentialismus nicht ernst meint, denn er fordert ja selbst eine „Kritik der muslimischen Religion“. Damit hält er fest, dass es tatsächlich eine „Essenz“ oder ein „Wesen“ des Islam gibt – der positive Bezug auf mehr oder weniger als sankrosankt geltende Schriften (Koran, Hadith) und, noch wichtiger, die Verherrlichung des Propheten Mohammed. Dass die Auslegung der Schriften wie in jeder anderen Buchreligion umkämpft ist und die reine Lehre nicht unbedingt mit der gelebten Religion identisch ist, versteht sich von selbst, aber daraus den Schluss zu ziehen, es gebe den Islam überhaupt nicht, ist so hanebüchen, als wolle man behaupten, es gebe das Auto nicht, nur weil neben VW und Mercedes gelegentlich auch noch Cadillacs auf Deutschlands Straßen gesichtet werden. Oder, auf eine geistigere Sphäre übertragen: Man kann Ludwig Feuerbachs epochalem Werk Das Wesen des Christentums viel vorwerfen, aber nicht, dass es sich an einer Ideologiekritik des Christentums versucht. Auch Feuerbach war bekannt, dass das Christentum kein „monolithischer Block“ ist, sondern sich neben Katholizismus und Orthodoxie auch noch Dutzende kleine Protestantismen unter dem Banner des Christentums tummeln, aber es hat ihn nicht davon abgehalten, das Christentum als verzerrte Projektion menschlicher Bedürfnisse zu dechiffrieren. Von den Fedders’ dieser Welt hingegen, die wohlfeil eine „Religionskritik“ des Islam fordern, hört man zu diesem Punkt erstaunlich wenig. Wenn sie es doch so wichtig finden, die islamische Religion zu kritisieren, warum tun sie es dann zur Abwechslung nicht einfach mal?

Fedders’ zweiter Vorwurf – den, wir ersetzten angeblich den Begriff der „Rasse“ durch den der „Kultur“– schließt direkt an den ersten an: Jeder, der sich sprachlich äußert, hat das Problem, das, worüber er spricht oder schreibt, zu bezeichnen. Wenn es sich aber nicht um bloße Namen handeln soll – Nominalismus ist in letzter Konsequenz Willkür und führt dazu, dass Menschen sich nicht mehr verständigen können –, sondern das Wort etwas von der Sache erfassen soll, haben wir es mit Begriffen zu tun. Wer den Islam begreifen will, muss sich also begrifflich festlegen. Fedders hat das getan: Er sagt, der Islam sei eine Religion. Darüber, wie sinnvoll diese Aussage ist, kann man sicherlich streiten, aber man sollte sich zumindest darüber im Klaren sein, dass der Begriff „Religion“ historisch westlichen Ursprungs ist und im 19. Jahrhundert maßgeblich von protestantischen Intellektuellen popularisiert wurde. Die islamische Tradition jedenfalls sieht in der Umma weit mehr als eine Glaubensgemeinschaft – eine vor allem durch gemeinsame politische und rechtliche Normen zusammengehaltene Gemeinde, deren Grundlage zwar ein religiöses Bekenntnis (im Sinne eines spezifischen Transzendenzbezuges) ist, die in diesem Bekenntnis aber nicht aufgeht. Da es sich bei der Trennung von Religion und Politik um ein modernes Phänomen handelt, ist unbestreitbar, dass die Gesellschaften, in denen der Islam über Jahrhunderte die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens bildete, eine eigene islamische Kultur herausgebildet haben – wie die christlichen Gesellschaften eine christliche. Der etwas schwammige Begriff „Kultur“ meint hier zunächst nichts anderes als einen Komplex von Moralvorstellungen, Herrschaftsverhältnissen, Eigentumsordnungen, religiösen Sinnstiftungen, Kommunikationsformen, Geschlechterbeziehungen und vielem mehr. Diese Kultur lässt sich selbstverständlich nicht eins zu eins aus dem Koran „ableiten“, entwickelt sich aber in kontinuierlichem und fraglosem Bezug zur religiösen Überlieferung. Jedem vormodernen Muslim war das ganz selbstverständlich, wie sogar noch an den aristotelischen Philosophen des Mittelalters erkennbar ist.

Man kann diese Beziehung zwischen Religion, Politik und Kultur auf die christliche Welt übertragen, allerdings nur dann, wenn man nicht vergisst, dass „Religionen“ erstens nur durch begriffliche Operationen strukturidentisch sind, nicht aber inhaltlich dasselbe predigen (etwa bezüglich der Beziehung zwischen Mensch und Gott, Leben und Tod, Reinheit und Unreinheit etc.), und zweitens die historische Entwicklung der islamischen und der christlichen Welt nur zum Teil parallel verlaufen ist. Dieser zweite Aspekt sollte nicht dazu verführen, einen abstrakten Gegensatz zwischen Orient und Okzident aufzumachen, aber es werden im christlichen Europa nun mal keine Homosexuellen an Baukränen erhängt und auch keine wegen Ehebruchs verurteilten Frauen gesteinigt.

Konsistent ist das nicht: Wo erst die blühende Vielfalt des Islam heraufbeschworen wurde, herrscht plötzlich nur noch Identität – alles dasselbe. Ein bisschen dialektischer darf’s dann schon sein, und gerade jemand, der sich auf Adorno bezieht, sollte die Frage nach der Einheit des Ganzen stellen. Die Antwort ist altbekannt: es ist der Wert als negative Synthesis, der die Individuen, Kollektive und Gesellschaften durch die radikale Enteignung des gesellschaftlichen Reichtums und die Verselbständigung seiner Formen, also durch die allseitige Lebensnot aufeinander bezieht. Entscheidend ist nun aber, wie die Einzelnen mit dieser totalen, negativen Vermittlung umgehen, die für sie die Perpetuierung von Existenzangst und Panik bedeutet. Es ist die älteste Funktion von Religionen, sinnstiftende Antworten auf das irdische Elend zu geben. In diesem Sinne ist die islamische Religion eine Ideologie, wie es auch in dem von uns mit unterstützten Aufruf heißt: „Der Islam ist keine schützenswerte Kultur, sondern eine furchtbare, autoritäre, gnadenlose Ideologie“. Fedders leitet seinen Text sogar mit diesem Satz ein, nur um uns kurz darauf in unredlicher Weise vorzuwerfen, wir betrachteten den Islam als unveränderbare metaphysische Essenz.

Genau hier, bei der Kritik des Islam als einer Ideologie, die spezifische Sinnstiftungen vermittelt und daraus Handlungsanleitungen für den Alltag generiert, müsste Fedders mit seiner geforderten „Religionskritik“ ansetzen. Doch nicht einmal die pseudokritischen Phrasen von Priestertrug bis Illusion spult er ab – lieber kneift er vor der Aufgabe, die wichtigste Antriebskraft für die konzedierten „im Namen von Allah tagtäglich [begangenen] zahlreiche Gräueltaten“ ins Visier der Kritik zu nehmen: den Islam. Stattdessen bewirft er andere mit Dreck, die sich vom gesellschaftlichen Gegenwind nicht abhalten lassen und immer noch davon überzeugt sind, dass man Menschen durch Kritik überzeugen und von ihrem Tun abhalten kann. Und dies gilt weniger für die Islamisten als vielmehr für diejenigen, die aus Furcht oder Opportunismus das Problem wegdifferenzieren wollen.

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