9. November: Kundgebung

Kampf dem Antisemitismus! - Solidarität mit Israel!
Kundgebung zum 65. Jahrestag der Reichspogromnacht


Die Reichspogromnacht: Auftakt zur Vernichtung

Am 9. November 2003 jährt sich zum 65. Mal jene schreckliche deutsche Revolution, in der die Mehrheit der Deutschen ihr Einverständnis mit der antisemitischen Politik der Nazis bekundete. Wenige äußerten Unbehagen, die allermeisten machten mit oder schauten zu, als im gesamten Deutschen Reich die Synagogen angesteckt, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert, Juden geschlagen, verhaftet und ermordet wurden. In einigen Städten glitt den Nazis die geplante politische Inszenierung gar aus der Hand, so dass sich die Pogrome auf zwei bis drei Tage ausdehnten, weil die Bevölkerung in ihrem Eifer nicht zu stoppen war. Ein Drittel der Deutschen hatte die Nazis an die Macht gewählt, die Arbeiterbewegung versagte kläglich und lief mit Begeisterung in Massen zu den Nazis über. Nun, an diesem 9. November 1938, demonstrierte die Bevölkerung ihre Geschlossenheit gegenüber den Juden. Die Reichspogromnacht war der Auftakt für die Vernichtung der europäischen Juden und wer bis dahin noch an den Konsequenzen der Drohungen Adolf Hitlers gezweifelt hatte, der wusste spätestens an diesem Tag, dass die Deutschen willens waren, ihren Vernichtungswahn in die Tat umzusetzen. Und spätestens seit diesem 9. November konnte niemand mehr sagen, er habe von der Verfolgung der Juden nichts gewusst. Adolf Hitler, der zunächst wenig Sympathie für die Pogrome hatte, die er als letzten Ausdruck eines „gefühlsmäßigen Antisemitismus“ verachtete und dem er den zur Vernichtung entschlossenen „Antisemitismus der Vernunft“ entgegenstellen wollte, ließ sich doch hinreißen von der breiten Zustimmung auf die die Aktion in der Bevölkerung stieß. Kein Nazi hatte mit einem solchen Ausmaß von Begeisterung gerechnet. Wann immer die Mörder von nun an gebraucht wurden, sie waren zur Stelle: Die ganz gewöhnlichen Deutschen.

Antisemitismus in den postnazistischen Nachfolgestaaten

Die postnazistischen Nachfolgestaaten BRD und DDR gründeten sich auf dem Boden der im Massenmord an den Juden real gewordenen Volksgemeinschaft. Der Antisemitismus war von Anfang an Grundbestandteil jeder deutschen Identität, sei es im Westen oder im Osten Deutschlands. Zwar konnte sich der Antisemitismus aufgrund der Präsenz der Alliierten nicht offen äußern, aber es entstand das Phänomen eines „sekundären Antisemitismus“. Dieser Antisemitismus in einem Land, in dem praktisch keine Juden mehr lebten, projizierte die Schuld an der Schoah auf die Juden und warf ihnen vor, Auschwitz würde die angestrebte Normalisierung behindern. Diese konnte sich also nur gegen die Juden richten, welche für die Niederlage Deutschlands verantwortlich gemacht wurden. Der Antisemitismus tauchte immer wieder auch offen auf, nicht zuletzt deshalb, weil wichtige Stützen der bundesrepublikanischen Gesellschaft in Justiz und Politik ehemalige führende Nazi-Funktionäre waren. Neben dem offenen Antisemitismus, der sich u. a. in über 1.000 zerstörten jüdischen Friedhöfen von 1945 bis heute ausdrückt, kristallisierte sich eine Form des Antisemitismus heraus, die zwar die selben Strukturen der Paranoia aufwies, aber den „Feind“ aufgrund des gesellschaftlichen Tabus nicht mit den Juden identifizierte, sondern mit Amerika, den Intellektuellen oder den Kommunisten. Mit diesem Antisemitismus knüpfte die Tätergesellschaft nahtlos an ihren nationalsozialistischen Vorgängerstaat an und konnte lediglich durch die Präsenz der Alliierten und der aufgezwungenen Demokratisierung nach westlichem oder sowjetischem Vorbild im Zaum gehalten werden. Trotz Demokratie und Westbindung, trotz Sozialismus und Komintern, lebte also der Antisemitismus immer in der deutschen Gesellschaft fort, was sich spätestens seit der Wiedererlangung der vollen Souveränität, der Wiedervereinigung 1990, voll bestätigte. Seitdem ist die Anzahl von antisemitischen Straftaten enorm angestiegen und in regelmäßigen Abständen gibt es antisemitische „Debatten“ in der Öffentlichkeit, angefangen von der Goldhagen-Debatte bis zum Walser-Bubis-Streit, von der Diskussion um das Holocaust-Mahnmal bis zu Jürgen W. Möllemanns antisemitischem Wahlkampf und der öffentlichen Anprangerung Michel Friedmans. Angestachelt und zugleich bestätigt wird mit solchen öffentlichen „Debatten“ der Antisemit auf der Straße, der sich zum Aktionismus angespornt fühlt: Vorfälle, wie beispielsweise das Zusammenschlagen eines orthodoxen Juden auf dem Berliner Kurfürstendamm diesen Sommer bestätigen diese Befürchtung. Die Nazis, die bereits zur Gewalt gegen Juden übergehen, sind nur die Spitze eines deutschen Konsenses, der wieder immer mehr darin besteht, die Kampfansage an die Juden offen zu äußern. Gerade in diesem Punkt finden auch linke und rechte Deutsche zusammen: Während viele Linke gegen die Selbstverteidigung des israelischen Staates demonstrieren, gehen die Nazis gegen das „zionistische Gebilde“ auf die Straße.

11. September 2001: Das deutsche Verständnis für den islamistischen Antisemitismus

Spätestens die Reaktionen der deutschen Intellektuellen auf die antisemitischen Massaker vom 11. September 2001, seien es Horst Eberhard Richter, Roger Willemsen oder Peter Sloterdijk, die von tiefem Verständnis für die angeblich in ihrem islamischen „Ehrgefühl“ verletzten Mörder bis zur dreisten Leugnung jeder von den Attentätern selbst bekundeten antisemitischen Motivation reichten, machten deutlich, dass die Sympathie der Deutschen immer noch denen gilt, die sich den Kampf gegen die Juden auf die Fahnen geschrieben haben. Als in mittelbarer Reaktion auf diese Anschläge das Baath-Regime, welches in Israel als einer der gefährlichsten Feinde eingeschätzt wurde, von den amerikanischen, britischen und polnischen Streitkräften beseitigt wurde, versammelten sich die Deutschen jeglicher Couleur hinter der Bundesregierung, um mit der Pace-Fahne in der Hand ihren Amerikahass und ihre Sympathie für Saddam Hussein zu bekunden. Sehr treffend kritisierte schon angesichts des Krieges gegen die Taliban der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel: „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder!“ Denn die Friedensbewegung, die sich der Unterstützung von 90% der Bevölkerung sicher sein konnte, setzte auf einen Frieden, der den Machterhalt eines der größten Unterstützer des palästinensischen Antisemitismus, Saddam Hussein, ebenso mit einbezog, wie er gleichzeitig bei genauerer Betrachtung eine Kriegserklärung an die USA und Israel war.

Der neue antijüdische Krieg

Während die Deutschen sich über Repräsentanten des Judentums in Deutschland ereifern und sich das so beanspruchte „Menschenrecht“ auf Israelkritik nicht nehmen lassen wollen, werden in Israel fast täglich Attentate auf Juden verübt, hunderte mussten in der zweiten Intifada bereits ihr Leben lassen. Bei der Intifada handelt es weder um einen Religionskonflikt noch um einen vermeintlich gerechten Kampf gegen Unterdrückung. Die Intifada ist, gemessen an den Aussagen und Taten der Mörder, eine Fortsetzung des antijüdischen Krieges, den die Deutschen in die Welt setzten. Davon legt sowohl die Verbreitung antisemitischer Schriften wie Hitlers „Mein Kampf“ oder „Die Protokolle der Weisen von Zion“ in den palästinensischen Autonomiegebieten und in den arabischen Nachbarländern Zeugnis ab, als auch die Praxis der Attentate selbst, die sich fast immer gegen Zivilisten richten und die stets darauf ausgerichtet sind, möglichst viele Juden in den Tod zu reißen. Deshalb sprengen sich die Attentäter in Bussen, Cafés und Einkaufszentren in die Luft und darum füllen sie ihre Bomben mit Nägeln und Rattengift. Die Intifada, die antisemitische Raserei der Palästinenser, wird ebenso finanziell von der EU unterstützt, wie die Deutschen ihren arabischen Verbündeten ideologisch Pate stehen. Während Joschka Fischer auch weiterhin dem Terroristen Yassir Arafat die Treue hält und sich gegenüber dem syrischen Diktator und Unterstützer der Hisbollah Bashar al-Assad als „Freund“ versteht, sinniert der Bundeskanzler schon einmal über Bundeswehrsoldaten in den palästinensischen Gebieten im Rahmen einer UN-Mission. Deutsche schwingen sich wieder zum Richter gegenüber den Juden auf und unterstützen jene, die die jüdische bürgerliche Revolution, die Gründung des Staates Israel, rückgängig machen wollen. Lediglich der israelischen Armee und ihren Unterstützern ist es zu verdanken, dass der antisemitische Wahn nicht noch einmal in totale Vernichtung umschlägt.

Gegen Antisemitismus!

Die Attacken auf Juden in Deutschland und die Anschläge in Israel und New York, alle Ausdrücke des antisemitischen Vernichtungswillens, machen deutlich, dass es in Bezug auf den Antisemitismus weder eine „Stunde Null“ gegeben hat noch dieser ausschließlich auf das Territorium Deutschlands beschränkt bleibt. Eines jedoch ist sicher: Dass der Kampf gegen den Antisemitismus sich immer auch gegen den deutschen Konsens richten muss, der weiterhin vom Antisemitismus durchdrungen ist und bereitwillig die Djihadisten als Bündnispartner im Kampf gegen die Juden anerkennt. Der Hass, mit dem das Projekt der Vernichtung der europäischen Juden am 9. November 1938 seinen Auftakt nahm, ist auch den Judenmördern von heute noch Antrieb, ihrem Vernichtungswahn Taten folgen zu lassen.


Sonntag, 9. November 2003, 14:00 Uhr
auf dem Friesenplatz, Köln (U 3/4/5/15/17/19 Friesenplatz).



Es rufen auf:
Antideutsch-kommunistische Initiative NRW
Antifa Duisburg
Antifa Essen Z
bad weather (antifaschistische Gruppe Hamburg)
Bund jüdischer Jugendlicher und Studenten Köln
Georg-Weerth-Gesellschaft Köln
K. I. Dortmund
liberté toujours (Berlin)


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