Der Euro und sein Staat

Deutschlands Rolle in der Wirtschaftskrise

Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann (Wien)

Im politischen Diskurs der Berliner Republik ist es Gemeingut, die politischen und ökonomischen Interessen der Bundesrepublik als europäische auszugeben. Aus der Epoche des Nationalismus, die in zwei Weltkriege mündete, habe besonders Deutschland gelernt, dass partikularistische Lösungen nur in die Katastrophe führen könnten. Deshalb bedürfe es einer universalistischen, gesamteuropäischen Anstrengung. Die Verlierer dieses „europäischen Weges“ aber wollen partout nicht vergessen, woher Deutschland seinen Standortvorteil in der Staatenkonkurrenz historisch bezieht: dem nationalsozialistischen Raub- und Vernichtungskrieg. Um so ressentimentgeladener reagieren die Deutschen, wenn sie daran erinnert werden, dass diese Vergangenheit noch immer nicht abgegolten ist,
sondern die ökonomische wie politische Grundlage des vermeintlich postnationalen Europas bildet. Doch die Strategie der griechischen Regierung, den Deutschen den Misserfolg eines durch und durch korrupten und maroden Staates in die Schuhe zu schieben, ist trotzdem nichts als linker Populismus: denn so sehr die Deutschen ihre eigenen partikularen Interessen als universalistische camouflieren, so sehr hängt andererseits die Stabilität der Eurozone tatsächlich von der politischen Souveränität des postnazistischen Staates ab.

Manfred Dahlmann ist Herausgeber der ideologiekritischen Zeitschrift sans phrase und schreibt für die Wochenzeitung Jungle World. Zuletzt erschien von ihm im ça ira-Verlag Freiheit und Souveränität. Kritik der Existenzphilosophie Jean Paul Sartres.

11. Dezember 2015, 19 Uhr
Alte Mensa (AStA-Café, Studiobühne), Universitätsstr. 16, Eingang Wilhelm-Waldeyer-Straße, Raum S204, 50937 Köln

Veranstaltet von der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln

Am 12. Dezember 2015 veranstaltet die Georg-Weerth-Gesellschaft Köln zusammen mit dem Referat
für Politische Bildung des AStA der Universität Bonn außerdem ein Tagesseminar zum Thema mit Manfred Dahlmann. Das Seminar findet von 13–19 Uhr im Ulrich-Haberland-Saal (Auf dem Hügel 16) in Bonn statt.

Zwischen Willkommenskultur und Fremdenfeindlichkeit

Anmerkungen zur Flüchtlingskrise

Vortrag von und Diskussion mit Horst Pankow am 19.11.15 ab 20:15 Uhr im Hörsaal 8 des Hauptgebäudes der Universität Bonn 

München, 6. September 2015: Zu Aufführung gelangt das neue deutsche Gesamtkunstwerk „Willkommenskultur“. „Jedes Mal, wenn ein Zug mit Flüchtlingen ankommt, und die Ankommenden hinter Absperrgittern zu den bereitstehenden Bussen geleitet werden“, vermelden andächtig die Reporter der Süddeutschen Zeitung, „applaudieren die vielen Zuschauer, die in den Starnberger Flügelbahnhof gekommen sind. Ein feiner, auf- und abbrandender Applaus ist das. Er sagt mehr als Worte es können.“ Und wenn Worte ergriffen ihrem Zweck entraten, ist das auch hier: „Ein Wahnsinn. Irgendwie ist dieses ganze Wochenende in München ein bisschen wahnsinnig.“

Das kennt man aus der jüngeren deutschen Geschichte: Den Wahnsinn der Siege im Blitzkrieg, den Wahnsinn des „Wirtschaftswunders“ und der Fußballweltmeisterschaften, und nicht zuletzt den Wahnsinn der Maueröffnung vor 26 Jahren, als das Wort gewissermaßen zur verbalen Duftnote deutscher Besonderheit erhoben wurde. Am darauf folgenden Wochenende schwelgte auch ein Kommentator der FAZ ganz im Bann vergangener Bilder: „In München werden Züge begrüßt, als säßen darin die letzten DDR-Flüchtlinge aus der Botschaft in Prag.“ (FAZ 12. 09.) Viele der dramatischen Massenaufnahmen aus den Geburtsstunden der neuen deutschen Metamorphose Flüchtlingsdeutschland erscheinen wie Reinszenierungen des Untergangs der DDR. Auch damals trug das Überschreiten osteuropäischer Grenzen durch Menschenmassen zur medialen Dramatisierung der Ereignisse bei.

Das aktuelle „Sommermärchen“ der Entstehung Flüchtlingsdeutschlands beschert keinen territorialen Gewinn, vielmehr immensen Bevölkerungszuwachs. Der ist angesichts rapider Entwertung des variablen Kapitals, der menschlichen Arbeitskraft, in Zeiten zunehmend digitaler Kapitalverwertung ökonomisch voraussichtlich genau so viel oder so wenig nützlich wie der Zuwachs an Ostdeutschen vor 25 Jahren.

Ironischerweise sind auch diese wieder aufgetaucht, mit Fahnenschwenkerei und nationalem Freiheitspathos. „Wir sind das Volk“ schreien sie auch heute wieder, doch nunmehr wird das Pack von den Herrschenden nicht mehr gebraucht und deshalb von Typen wie Sigmar Gabriel auch als solches bezeichnet. Den vorwiegend ostdeutschen Pegida-Anhängern und anderen Neidbeißern wirft die politische Klasse ihre offen zur Schau gestellte Unfähigkeit vor, sich den Erfordernissen spätkapitalistischer Ökonomie anzupassen, zu deren hehren Idealen gutgelaunte Teamfähigkeit ebenso wie Weltoffenheit und Flexibilität zählen. Das inzwischen unglaubwürdig gewordene Bild des erfolgreichen Ostdeutschen, der von den Segnungen der Marktwirtschaft profitiert und dadurch zugleich eine Bereicherung für die Allgemeinheit darstellt, wird von den Massenmedien wie Politikern des neuen Deutschlands heute durch das eines leistungs- und erfolgsorientierten Flüchtlings ersetzt. Wie zuvor die hässlichen Seiten der ostzonalen Barbarei ignoriert wurden, um den schönen Schein zu wahren, so wird von den Flüchtlingsfreunden ausgeblendet, dass ein großer Teil der Neuankömmlinge Ländern entstammt, in denen die antiwestlichen Lehren und Praktiken des sunnitischen Islams das Leben dominieren. Dass diese Weltanschauung im Widerspruch zum bürgerlichen Ideal der individuellen Freiheit steht, wird als antiislamische Stimmungsmache abgetan, weil einem selbst nicht mehr viel an einer vernünftig eingerichteten Welt liegt; sich selbst einzurichten und mit dem Unheil abzufinden ist bequemer und ökonomisch effizienter.

Ob die Flüchtlinge, die nun als postnationale Nomaden und Zukunftsversprechen auf zwei Beinen gefeiert werden, selbst wissen, dass sie vor den Zumutungen des Islams und seinen Folgen geflohen sind oder ob sie sich weiterhin mehrheitlich mit dieser totalitären Ideologie identifizieren, ist noch nicht eindeutig zu beantworten. Sie kritiklos in ihrem scheinbar angeborenen „Moslemsein“ zu bestätigen, dürfte die Gefahr, dass der islamische Faschismus in Deutschland durch den gewaltigen Flüchtlingsstrom gestärkt wird, allerdings deutlich erhöhen.

Vor diesem Hintergrund sollen folgende Fragen erörtert werden: Was sind die wesentlichen Motive des neuen deutschen Zuwanderungsoptimismus? Wie ist das Verhältnis von multikulturell eingestellter „Stamm-BRD“ und völkisch-national gesinnten Ostdeutschen einzuschätzen? Welche Rolle spielt die traditionelle deutsche Linke innerhalb des aktuellen Spektakels? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist sie bereits in einer neuen Rolle informeller „antifa“-Hilfspolizei aufgegangen? Worin bestanden die traditionellen ideologischen Begründungen von „Asylpolitik“ und welche Veränderung erfahren sie derzeit? Wie positioniert sich eine an gesellschaftlicher Emanzipation orientierte Gesellschaftskritik angesichts der neuen Entwicklung, die möglicherweise auf eine Stärkung des autoritären Islam in Europa hinausläuft?

Eine Veranstaltung der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln und des Referats für politische Bildung des AStA der Universität Bonn. Der Eintritt ist wie immer frei.

„…darüber sprechen, was es bedeutet, nicht global, nicht lokal, sondern loco zu sein“[1]

Postmoderne Ideologie ist der „Geist geistloser Zeiten“ (Marx) auf dem aktuellsten Stand. Die Idee einer versöhnten Menschheit wird von Stichwortgebern des liquidierten Denkens bewusst preisgegeben. Ebenso verhält es sich mit jeglichem Anspruch, die Wirklichkeit noch irgend adäquat mittels triftiger, reflektierter Begriffe zu beschreiben. In Köln zeugt davon die 2012 ins Leben gerufene Akademie der Künste der Welt, deren Festival Pluriversale dieses Jahr in die zweite Runde geht. Nicht nur bei der Namensgebung des Festivals bediente man sich der Terminologie Carl Schmitts, der den Ausdruck „Pluriversum“ prägte, um auf gebildet „Jedem das Seine“ zu dekretieren. Das „interkulturelle und interdisziplinäre Veranstaltungscluster“ folgt dem Kronjuristen des Dritten Reiches auch inhaltlich, wenn im Programmheft jede universelle Weltsicht als „flach“ und „westlich“ denunziert wird – also mit den in solchen Pamphleten unvermeidlich auftauchenden, hohlen Kampfformeln von Neoliberalismus und Kolonialismus. Dem vorgeblich die Völker der Welt knechtenden westlichen Blick wird ein „pluriversaler“ Antiimperialismus entgegengestellt, dem „geteilte Geschichten und Kosmologien“, mithin „verschiedene ‚Welten‘“ zugrunde liegen sollen, welche trotz ihrer Inkommensurabilität durch ihre „kritische und widerständige Haltung gegenüber der Machtverteilung einer einzelnen Moderne und ihres universalen Anspruch“ zusammengehalten werden.

Diese Sicht auf die Welt wird durch die formale wie inhaltliche Ausgestaltung der Pluriversale II wiedergegeben: Der beflissene kulturpolitische Jargon ihres Programmheftes plaudert beredt die Situation der Kunst und überhaupt des intellektuellen Lebens im nachbürgerlichen Zeitalter aus. Der exzellenzbegierige Leser, von den Veranstaltern des Spektakels zu Recht für dumm verkauft und dementsprechend im Programmheft von ihnen vollgetextet, darf sich auf „prominente Kuratoren aktuell stattfindender und demnächst anstehender Ausstellungen rund um den Globus“ freuen, welche „die Vorzüge und Fallstricke der Globalisierung von Kunst und ihrer wachsenden Einbindung in lokale Kontexte“ erörtern werden. Der höhere Blödsinn dieser Ankündigungen dient dem braven Ziel der Akademie der Künste der Welt: Das „emanzipatorische Potential“ authentischer Kultur soll freigesetzt und in den Dienst des Gemeinwohls gestellt werden. Was hier mit „emanzipatorisch“ genau gemeint ist, scheint bei den Diskursanten dem elementaren Bauchgefühl zu folgen. Die unter jahrelangem professionellen Abgreifen öffentlicher Gelder eingeübte Chuzpe ist ihnen dergestalt in Fleisch und Blut übergegangen, dass jede Explikation ihres plump pädagogischen Aktionismus überflüssig wird. Es tritt vor allem deutlich vor Augen, dass es den Machern der Pluriversale II weder um den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit noch um die Aufhebung der Herrschaft von Menschen über Menschen geht, sondern um die „emanzipatorische“ Liquidation aller unabgegoltenen Anforderungen und Ansprüche des aufgeklärten Denkens.

Ein nach politischen Maßnahmen dürstender Eskapismus sucht fortwährend Updates des offiziellen Vokabulars durchzusetzen, um der diagnostizierten „Überdeterminierung“ Herr zu werden. Doch die nicht weniger herrschsüchtigen Neu-Determinierungen, die in postmodern inspirierten Kampagnen durchgesetzt werden oder es noch sollen, verstricken sich nur umso hoffnungsloser ins alte Handwerk der Entmündigung des Mitmenschen. Die permanente Reinschrift kann die dreckige Wirklichkeit nicht verbessern, der unaufhörliche Exorzismus soll die durchherrschte Sprache von abgelaufenen Vorurteilen reinigen und so die Instrumentalisierung exkulpieren, der doch all die bad words enstspringen. Beim Schönreden nichtweißer Authentizität werden die nunmehr erneut brauchbar gemachten Kollektivzuschreibungen hinterrücks nur tiefer als community zementiert. Selbst der Unterstützung würdige sprachpolitische Kampagnen gegen menschenverachtendes Reden erwiesen sich stets als weiterer Zugriff der Macht über die Einzelnen. Wenn also seitens angeblich fortschrittlicher Kreise derzeit unbeirrbar und stereotyp vom bösen Westen und dem tragisch verkannten Orient die Rede ist, liefert solch gutgemeintes Argumentieren die Individuen noch gnadenloser ihren als „widerständig“ akkreditierten Identitäten aus. Postmodern neu validiert und politisch geupdatet, wird den Einzelnen ungefragt die unverfrorenste Heteronomie übergestülpt.

Wären tatsächlich gesellschaftliche Hierarchien der zentrale Kritikpunkt postmoderner Diskurse, und ginge es etwa tatsächlich um die Menschen, die in Rufweite der Küsten Europas ertrinken, weil sie das westliche Versprechen auf ein Leben jenseits „pluriversaler“ Banden- und Stammesstrukturen praktisch auf die Probe stellen mussten, müsste man eben jenen Westen zuallererst dafür kritisieren, dass er seine Verheißungen von Freiheit, Gleichheit und Glück nie einhielt und auch nicht einhalten kann. Stattdessen müssen die Hungernden und Flüchtenden als authentizitätstriefende Projektionsfläche engagierter Kulturfuzzis herhalten, indem sie zur widerständigen und antiwestlichen multitude stilisiert werden. Die Motivation der Initiatoren der Pluriversale II mag auf einer nicht zuletzt karrieristischen Ebene angesiedelt sein. Doch die von ihnen emsig produzierte Gebrauchsideologie wäre umso mehr als der Abdruck allgemeiner, objektiver Sachzwänge in ihrem Bewusstsein zu verstehen. Die „nomadische Institution“ treibt nicht der Wunsch nach Analyse und Kritik der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern das uneingestandene Empfinden von Überwältigung. Sie suchen letzterer durch Identifikation mit der glücksnegierenden Macht, schließlich durch ihre radikale Überbietung Herr zu werden.

Wegen des Empfindens von Ohnmacht kann angesichts der herrschenden Verhältnisse freilich niemandem ein Vorwurf gemacht werden, denn jeder Einzelne sieht sich tatsächlich aufgrund seiner objektiv drohenden Überflüssigwerdung durch abstrakte und unpersönliche Mechanismen gefährdet. Die Ausrufer des pluriversalen clusterfuck aber lassen sich von ihrer Ohnmacht dumm machen, indem sie sich diese nicht eingestehen und reflektieren, sondern aktionistisch gegen die unschmeichelhafte Erfahrung anrasen und dabei wild performend um sich schlagen. Ihre Trotzreden voller Beteuerungen und Durchhalteparolen gegen die Macht „der – immer stärker überdeterminierten – Vergangenheit und Zukunft“ sind zutiefst resigniert. Ihr Furor gründet in der Kränkung und der Angst der Einzelnen, die ihre eigenen Geschicke unter der Herrschaft des launischen Kapitals – anders als vom liberalen Maulheldentum suggeriert – nicht in den eigenen Händen halten. Ihre Sehnsüchte nach Freiheit und Glück sind unerfüllt geblieben, scheitern unter Versagungen und Regressionen. Anstatt sich dieser Einsicht zu stellen, flüchten die Macher der Pluriversale II in irgendeine, ihnen Halt und Bedeutung verleihende Identität, in den ausgeliehenen mentalen Status unterdrückter Kolonialvölker. Und mancherorts entstehen tatsächlich neue Potentiale unbelasteter Völkerverständigung: Die von den Postmodernen propagierte Verwerflichkeit aller westlichen Bildung findet – „sie wissen das nicht, aber sie tun es“ (Marx) – eine exakt sinngemäße Übersetzung durch den Haussa-Kampfnamen „Boko Haram“ – wenngleich in Nordnigeria der Weltöffentlichkeit weit größere und weit effizienter ausgerüstete happenings als im postmodernen Köln präsentiert werden.

Aus dem Ankündigungstext lässt sich extrapolieren, womit zuschauerseitig zu rechnen sein dürfte: Gelangweilte, vereinsamte, panikaffine Überflüssige werden sich auf eine gemeinsame Kaffeefahrt in geistloseste Einöde hinausbegeben. Sie werden zuhauf ins zwote Pluriversum strömen, zwecks günstigen Erwerbs einer möglichst distinguierten, hybrid changierenden Identität, der man vor allem nicht sofort ansehen können soll, dass auch sie von der Stange ist. In der Regel werden sie nur allzu bald dazu bereit sein, sich von ideologischen Heizdeckenverkäufern allerlei schlampig zusammengeschusterten, antiwestlichen Ramsch andrehen zu lassen.

Das auf städtische und größere Tröge spekulierende Personal der Pluriversale II hat ohrenkitzelnde Frechheiten und Barbaritäten abzuliefern. Im schlimmsten denkbaren Sinn soll so auch die Weltläufigkeit des so korrupten wie biederen Provinznestes bekundet werden. Die einbestellte Kreativität entblödet sich nicht, eine von eigenen, unbewussten Wünschen umgeisterte „Suche nach einem Standpunkt außerhalb eines ‚flachen’, sich universalistisch gebenden ‚Globalismus’“ auszurufen. In der politischen Realität hat immer schon die größte Flexibilität bestanden, wo es um Krisenmanagement ging. Durch zahllose Kassenstürze geschult entstand im Tagesgeschäft der Zuteilungen und Vorenthaltungen ein versiertes, längst schon postmodernes Technokratenpersonal, das jeden neuen Ruck durchs Land den zum lebenslangen Lernen verurteilten Bürgern zungenfertig zu verkaufen weiß. „Verdamp lang her“ (Niedecken), dass sich noch jemand weniger um die Wirkung als um den Sinn seiner Worte schert. Das Mäzenatentum durch die Sparkasse Köln und anderer Botenjungen des Sachzwangs passt wie die Faust aufs Auge zur postmodernen Kirmes. Die ideologischen Hofnarren haben freilich ein viel vorteilhafteres Bild von sich selbst, denn sie wähnen sich als genialisch Entkommene, die einen panoptischen Standpunkt „außerhalb“ eingenommen haben. „Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen“ (Marx), möchte man solchen Geistestitanen auf den frei schwebenden Astralleib tätowieren. Wie Gott höchstselbst wollen diese pluriversalen Flachzangen jenseits der westlichen und auch aller anderen Welten thronen, hoch über allem menschlichen Geschäft. Vom luftleeren Orbit ihres Wunschdenkens aus verkünden sie, der kapitalistischen Totalität die Idee einer von engagierten Künstlern voluntaristisch auf Vordermann gebrachten Welt entgegenstellen zu wollen. Das Realitätsprinzip verabschiedet sich zuverlässig dort, wo der eigene desolate Status ideologisch aufgewertet wird. Niemand soll die Triftigkeit eigenen oder fremden Geschwätzes noch nachprüfen dürfen.

Wie bei postmodernen Veranstaltungen üblich, geht es um den Abgesang auf das mit dem Abendland  identifizierte begriffliche Denken. Die geschäftigen Ministranten des Zeitgeistes haben seinen leisesten Wink erkannt und ebnen jegliche Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt ein. Sie tragen also auch die Hoffnung zu Grabe, dass die Menschen besser als ihre Kultur sein könnten. Wenn etwa pars pro toto Sina Seifee „Einmann-Symposien“ performen möchte, „die [dem] Gedankenfluss keine Grenzen setzen“, soll sich dergestalt dem Abschnurren des Wahns in den solipsistischen Ich-AGs nichts mehr störend in den Weg stellen. Mittels solcher Performanzen reduziert das sich eifrig belügende Subjekt die Außenwelt zum bloßen Stichwortgeber seiner Willkür. Die zuschanden gewordene Sehnsucht nach Autonomie vermag nur noch neue Heteronomien herbeizuträumen. Die Ohnmacht wird zur Allmacht des die Welt gestaltenden Künstlers umgemünzt. Man sieht sich natürlich trotzdem ständig mit einer unnachgiebigen Realität konfrontiert, die schon so manchen kokainösen Machtrausch flugs auf den harten Boden der Tatsachen zurückholte. Der als Blauhelm der Ästhetik Einberufene „beharrt“ auf seinem „Recht“, wie einst in der Maikäfergruppe unter der Obhut kindgerechter Pädagogen „frei, phantasievoll und spielerisch“ zu sein.

Die gefälligen Provokationen der Pluriversale II kündigen sich schon in den Textabgründen des Programmheftes an. Mit der notwendig resultierenden Frustration wächst der Hass auf den absoluten Feind, auf die Anmaßung der Vernunft. Der Wille zum Wahn eint ruhmsüchtige Kuratoren, Kulturförderer und -produzenten, vegane Pfaffen und Anti-Sex-League-Schergen, kunstpolitische Bescheidwisser und marxistische Restpostenverkäufer. Namentlich alle stets dem nächsten kommenden Aufstand entgegenfiebernden Banden dürfen sich eingeladen fühlen, in die Denunziation der „offiziösen Rhetorik einer universell gültigen und simplifizierenden Trauer“ mit einzustimmen. So kaltschnäuzig beschreibt das Programmheft die geplante Gedenkperformance zum dschihadistischen Blutbad gegen Charlie Hebdo. Die von der gleichen Terrorzelle zeitgleich ermordeten Juden sind längst „frei, phantasievoll und spielerisch“ aus dem schönen neuen Narrativ des Programmheftes gelöscht worden. Dafür spricht man mit lüsterner Faszination vom Nahen Osten – „de[m] Fokus diesmal“ – von der „Neuen Welt(un)ordnung am Horizont“, welcher zuviel Kohärenz beanspruchende „reduktionistische Begriffe“ beizukommen nicht in der Lage seien.

Solche Diskurse beschwören die unvermittelte Gewalt als Mittel intersubjektiver „Verständigung“. Daher darf ausgerechnet der Feuilleton-Islamist Pankaj Mishra die Keynote-Rede halten. Er wird dem Leser allen autoritären Ernstes als schlichtweg „einflussreicher Autor“ vorgestellt, der auch schon für die New York Times oder den Guardian schrieb. Mit einer Aufgeregtheit, in der wohl noch die Höhe seiner Gage nachklingt, wird seine geistige Exzellenz herumgereicht wie ein Wanderpokal. Seine hanebüchenen Gedanken beschädigen am Ehesten die intellektuelle credibility der linksliberalen angelsächsischen Presse. Diese druckt ihn ab, um dem von ihr propagierten Isolationismus Amerikas weiter das Wort zu reden, der bereits jetzt schon 100%ig autochthone Morde, Folterungen und Vergewaltigungen über Hunderttausende von Menschen gebracht hat. Relativ sicher vor den Interventionen westlicher Arroganz blühen im US-hinterlassenen Machtvakuum veritable Pluriversa auf: Hinrichtungsplätze, Folterkammern und Sklavenmärkte bringen die isolationistische Flucht vor der Verantwortung zynisch auf den historischen Tiefpunkt. Die gerne subversiv auftretenden Postmodernen liefern den Realpolitikern in Wahrheit genau die relativistischen Ausreden, die sie dazu benötigen, wie sich etwa an Barack Obamas Antrittskapitulation in Kairo leicht nachweisen lässt.

Mishra beschwört in seinem europäisch preisgekrönten Großessay Aus den Ruinen des Empires die Gesinnung der „intelligentesten und sensibelsten Völker des Ostens“[2] und bedient alle antiwestlichen Ressentiments der pluriversal Kulturschaffenden. Der Entdecker und Förderer der Antisemitin Arundhati Roy proklamiert, dass „der Westen nicht länger Quelle guter und schlechter Dinge [ist], reich an materiellen Vorzügen, aber seicht im spirituellen Bereich; er muss vielmehr gänzlich verworfen werden.“

Die deutschen Vorfahren der Akademiemitglieder wussten sich auch mit ihren Kollaborateuren zumindest darin einig, dass wurzellose Juden die Völker vergifteten. Die postnazistische Gesinnungsgemeinschaft weiß sich heute mit Pankaj Mishra darin einig, dass die Gründung des Staates Israel das ärgste, am dringendsten zu sühnende Verbrechen des Westens darstellt. Mishra zufolge ist „die Schaffung einer aus europäischen Siedlern bestehenden Nation im Nahen Osten“ nichts als schiere „rassistische Arroganz“. Von der Shoah macht Mishra immer nur die beiläufigste Erwähnung und bleibt dadurch jener schwerwiegenden Implikationen ledig, die seinen deutschen Gastgebern die „berechtigte Israelkritik“ so erschweren, was ihm den Ehrenplatz als rassisch unbedenklicher Kronzeuge auf ihrem Symposium verschafft. Den „‚jüdischen Staat’“ weiß Mishra wie alle Antisemiten zwischen bannende Anführungszeichen zu setzen, die eine ähnliche Funktion wie Knoblauchknollen im Hinblick auf Vampire erfüllen sollen. Mishras sonst eifrig bemühter Anschein um historische Genauigkeit blamiert sich gerade im Hinblick auf Israel. Er sieht darin nur eine bloße „Scheindemokratie“, eine restlos durch „autoritäre Führer, antidemokratische Strömungen und rechten Extremismus definierte Politik“. Kein Wort zur historischen islamischen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus, kein Wort zum islamischen Antisemitismus, welcher alles Jüdische als böse wie auch alles Böse als jüdisch halluziniert und nur durch die israelische Militärmacht daran gehindert wird, seinen metaphysisch begründeten Vernichtungswillen umzusetzen. Mishras ruinöser Antiimperialismus hüllt sich in einen pseudofaktisch-wissenschaftlichen Tonfall und tut doch dabei nichts anderes, als um abendländisches Verständnis für den Wunsch nach „Rache des Ostens“ zu werben. Den von ihm begeistert verstandenen Dschihadisten überlässt er es dann, die Vernichtung Israels ausdrücklich zu fordern. Es ist Mishras methodische Taktik, als lediglich referierender Chronist unterdrückter kolonialer Stimmen aufzutreten, die er durch sein geschicktes Zitieren wortlos affirmiert. Stimmen etwa wie die Dschamal al-Afghanis, Wegbereiter des politischen Islam, oder Sayyid Qutbs, geistiger Begründer der Muslimbruderschaft. Diese und andere Wortführer der Barbarei bestimmten die totale Kriegserklärung gegen Ungläubige im Allgemeinen und gegen die Juden im Besonderen als das zentrale Moment ihrer postkolonialen Gemeinschaftsstiftung. Pankaj Mishra bringt die programmatische Forderung des Akademiemitglieds Mark Terkessidis auf den antizionistischen Punkt, nach welcher das „Gebot zur Kollaboration“ etwas diffus „den ehrlichen Willen zur Mitgestaltung, ein utopisches Moment“ berge. Mishra wird den Besuchern gerne erklären, mit wem sie alles zu kollaborieren haben, um den völkerversöhnenden Hass mitgestalten zu können. Seine Utopie beinhaltet notwendig die Elimination der noch bürgerlich vermittelten Gesellschaft. Hierzu soll blutige Rache an denen zelebriert werden, deren schiere Existenz mit der westlichen Vermittlung und Abstraktion konnotiert ist.

Die Akademie der Künste der Welt lud Mishra ein, ihre antizivilisatorischen Bedürfnisse zu bedienen. In Zeiten antisemitischer Hochkonjunktur verunglimpft ihr Gründungsmitglied Tom Holert in einem Gespäch auf der Website der Akademie Israel als einen der „rivalisierenden Faschismen“, welcher „wieder einmal den Gazastreifen platt gemacht“ habe. Es ist selbsterklärte Aufgabe der Akademie, jede Islamkritik als Rassismus zu ächten, wie es jüngst Stephan Weidner, ebenfalls Gründungsmitglied, einmal mehr tat. So erweist sie sich als wahrhaft deutsche Kulturinstitution. Der Akademie der Künste der Welt geht es nicht um die Erniedrigten, Geknechteten, Verlassenen, Verächtlichen, sondern um ein Bündnis der selbstherrlichen Subjekte für die Befreiung der Menschheit von jeder Möglichkeit von Vernunft und Aufklärung.

[1]     Sofern nicht anders gekennzeichnet, sind alle Zitate dem Programmheft der Pluriversale II oder der Internetseite der Akademie der Künste entnommen.
[2]     Alle Zitate von Pankaj Mishra stammen aus seinem Buch Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens, Frankfurt 2013, sowie seinem Essay Das westliche Gejammer, aus Die Zeit vom 13.09.2014.

DRUCKVERSION

Es gibt kein Menschenrecht auf Israelkritik

Redebeitrag der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln

Wir stehen hier vor der „Barbarossa-Moschee“, die von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş unterhalten wird. Es wirkt auf geradezu ironische Weise passend, wie ein treffender Zufall, dass diese Moschee nach einem reichlich unislamischen Kaiser benannt wurde, dessen Bart nicht von Henna, sondern von Natur rot gefärbt war, und der wie kaum ein anderer in die deutsch-völkische Mythologie eingegangen ist. Barbarossa diente als Symbol für das nationale deutsche Erwachen lange vor 1933. Es war kein Zufall, dass der Überfall auf die Sowjetunion seinen Namen trug, und dass der apokalyptische Endkampf gegen den imaginierten, jüdisch-bolschewistischen Erzfeind die „Endlösung der Judenfrage“ zum Ziel hatte. Und ebenso wenig war es Zufall, dass die Vernichtung der europäischen Juden unter dem Beifall des nach Berlin geflüchteten Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin el-Husseini, durchgeführt wurde, der in Bosnien Muslime für die SS rekrutierte, Aufrufe zum Massenmord über den arabischen Nazisender verbreitete und für die Vernichtung der Juden auch im Nahen Osten eiferte.

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Es denkt in ihnen

Eine Desorientierungshilfe zur phil.COLOGNE

Manche kennen es noch aus der Schule: Auch wenn es in den naturwissenschaftlichen und exakten Fächern mit den Noten mau aussieht, gibt es immer noch die Chance, in den sogenannten Laberfächern wie Religion, Sozialkunde und z.T. auch Deutsch durch andauernde Wortmeldungen und eifrige Unterrichtteilnahme zu punkten, ganz gleich, was für dummes Zeug man dabei vorbringt. Die fünf in Mathe wird dadurch freilich nicht verschwinden. Dieser versuchte Ausgleich unangenehm harter Fakten durch soft skills liegt auch einer ganzen Reihe anderer Phänomene zugrunde. Etwa der Neigung politisch und ökonomisch Verunsicherter zu Esoterik, Sensibilisierungsseminaren, Gruppentherapien und Lebensratgebern aller Unart. Jede Bahnhofsbuchhandlung wartet mit einem Schwall von bestenfalls populärwissenschaftlichen bis komplett hanebüchenen Büchern und Zeitschriften auf, die sich der Sinnkrisen der Reisefertigen mit freundlich-forschen Aufmunterungen zum richtigen Essen, Reisen, Kaufen, Atmen, Denken, Lieben und Leben annehmen. Der Markt für solche postreligiöse Erbauungsliteratur scheint schier unerschöpflich, was nicht zuletzt an der Raschheit liegt, mit der die angebotenen moralischen Wegweiser verwittern und druckfrischen Motivationsnachschub nötig machen.

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Stranger than Fiction

Von Nürnberg nach Köln

Kaum ein Event der letzten Zeit hat es besser vollbracht, das Nachleben des Nationalsozialismus in der deutschen Demokratie praktisch-denunziatorisch vorzuführen, als das Projekt „Zwei Minuten Stillstand“. Durch affirmative Überidentifizierung hat die in Berlin lebende israelische Künstlerin und Initiatorin Yael Bartana mittels ihrer „Aufforderung, die Gegenwart zu verändern“ das sonst unter einem Mantel des Kampfes gegen den Antisemitismus verborgene hässliche Wesen Deutschlands ans Licht gebracht.

Wie hat sie das geschafft? Dezidiert als Künstlerin hat Frau Bartana verkündet, die Bevölkerungsmasse Deutschlands durch eine kollektive Performance zu einer sozialen Skulptur zu formen, um die Nation auf diese Weise zu erneuern – und die Deutschen stehen stramm.

Um die Parodie auf den Postkartenmaler aus Braunau zu vervollständigen, verkündete sie, dass es nicht um vergangene deutsche Schuld gehen soll, sondern darum, aus dem vergangenen Krieg die Kraft zu ziehen, sich zukünftigen Aufgaben widmen zu können – auch über den deutschen Tellerrand hinaus. Im Wissen darum, dass die Kontinuität deutscher Identität im Hass auf die Juden besteht, warf sie daher dem jüdischen Staat in einer so offensichtlich absurden wie folgerichtigen Verkehrung die Instrumentalisierung des Holocaust vor – und die deutschen Kulturinstitutionen machten gemäß ihres Auftrages die Gelder locker, den denunziatorischen Charakter des Projektes verkennend.

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